Ein Umzug in neue Büros bedeutet einen Neuanfang. Neues Umfeld, neue Infrastruktur, frisch renovierte Räume. Was dabei selten bedacht wird: Wer neue Räume bezieht, übernimmt nicht nur den Grundriss — er übernimmt auch alles, was dort in den Wochen und Monaten davor stattgefunden hat.
Wer hatte Zugang? Handwerker, Elektriker, Trockenbauer, Maler, Bodenleger, Reinigungskräfte, Haustechniker. Vormieter und deren Besucher. Makler. Besichtigungsgruppen. Projektentwickler. Und in Neubauten: ein Dutzend Gewerke, die nacheinander dieselben Räume betreten haben, bevor der Estrich trocken war.
Jede dieser Personen hatte die Gelegenheit. Die meisten hatten keine Absicht. Aber die Frage, ob einer von ihnen etwas hinterlassen hat, lässt sich nur auf eine Weise beantworten.
Drei Situationen, ein Risiko
Einzug in Bestandsräume nach Vormieter
Wer Büros bezieht, die ein anderes Unternehmen verlassen hat, tritt in eine unbekannte Vorgeschichte ein. Welche Branche war der Vormieter? Welche Konflikte oder Wettbewerbssituationen hat er mitgebracht? War er Ziel von Wirtschaftsspionage — und hat jemand in diesem Zuge Technik installiert, die nie wieder entfernt wurde?
Das klingt konstruiert. Es ist es nicht. Abhörgeräte werden nicht immer nach getaner Arbeit eingesammelt. Manchmal, weil der Betreiber den Standort verloren hat. Manchmal, weil das Gerät schlicht vergessen wurde. Manchmal, weil es bewusst für den nächsten Mieter hinterlassen wurde.
Einzug nach Renovierung oder Umbau
Eine Renovierung ist ein unkontrollierter Zustand. Für Wochen oder Monate arbeiten wechselnde Teams in Räumen, die noch nicht gesichert sind: Trockenbauer öffnen Wände, Elektriker legen neue Leitungen, Maler überarbeiten Oberflächen. Die handwerkliche Qualität dieser Arbeiten wird abgenommen. Ob dabei etwas hinterlassen wurde, wird nicht geprüft.
Wandhohlräume, Deckenverkleidungen, Kabelkanäle, neue Steckdosenleisten: Das sind die Verstecke, die nach einer Renovierung neu entstehen oder zugänglich waren — und danach dauerhaft versiegelt sind.
Bezug eines Neubaus
Im Neubau hat noch kein Geschäftsbetrieb stattgefunden — aber die Räume waren monatelang zugänglich. Generalunternehmer, Subunternehmer, Bauleiter, Projektsteuerer, Behördenvertreter bei Abnahmen. In einem Großprojekt können Hunderte von Menschen durch dieselben Räume gelaufen sein, bevor das Schild an der Tür hängt.
Ein Gerät, das in der Rohbauphase in einer Zwischendecke platziert wird, ist nach dem Innenausbau unsichtbar und mit konventionellen Mitteln nicht auffindbar. Nur der Halbleiterdetektor reagiert auf die Elektronik selbst — unabhängig davon, ob das Gerät eingeschaltet ist, sendet oder seit Monaten wartet.
Der richtige Zeitpunkt
Die TSCM-Prüfung gehört zwischen Übergabe und erstem vertraulichen Gespräch. Das ist das entscheidende Zeitfenster.
Nach der Übergabe ist das Objekt in der eigenen Kontrolle. Vor dem ersten Meeting ist noch nichts kompromittiert worden. Wer dieses Fenster nutzt, weiß, was er hat. Wer wartet, bis ein konkreter Verdacht entsteht, hat in der Zwischenzeit vertraulich gesprochen — in Räumen mit unbekannter Vorgeschichte.
In der Praxis gehört der Prüftermin in die gleiche Planungsphase wie Einrichtungslieferung, IT-Verkabelung und Zugangskontrolle. Er ist ein Schritt im Einzugsprozess, kein Sonderauftrag nach einem Verdacht.
Was geprüft wird — und wo
Priorität 1: Besprechungsräume und Geschäftsführungsbüros
Das sind die Räume, in denen vertrauliche Informationen entstehen. Sie stehen im Mittelpunkt jeder TSCM-Prüfung.
Priorität 2: Bereiche mit handwerklichem Eingriff
Überall dort, wo Wände geöffnet, Decken abgehängt oder neue Installationen verlegt wurden, entstehen Hohlräume, die als Verstecke nutzbar sind. Diese Bereiche werden systematisch erfasst.
Priorität 3: Technikräume und Kabeltrassen
Eingeschleuste Hardware, die sich in die Netzwerkinfrastruktur einfügt, ist ein eigenständiges Risiko. Scope bleibt klassische Lauschabwehr — physisch installierte Abhörtechnik, keine Softwareanalyse.
Die Methodik
Frequenzanalyse für aktiv sendende Geräte. Halbleiterdetektion für passiv aufzeichnende Technik, die kein Signal sendet. Kamerafinder und Wärmebildtechnik für optische Überwachung. Jede Auffälligkeit wird durch ein zweites Messverfahren verifiziert, bevor sie als Befund gilt.
Aus der Praxis und der Presse
Dass das Risiko beim Nutzerwechsel real ist, zeigt ein Fall aus Österreich: Im Dezember 2017 fanden Fachleute des österreichischen Heeresabwehramts im Büro des designierten Vizekanzlers Heinz-Christian Strache zwei Abhöreinrichtungen hinter einer Spiegelwand — einen Tag, bevor er offiziell einzog. Das Büro war unmittelbar zuvor vom Kanzleramtsminister der Vorgängerregierung genutzt worden. Laut Medienberichten konnten die Ermittlungsbehörden nicht klären, wann die Technik installiert worden war. Ex-Kanzler Kern sagte dazu, die Geräte könnten „vor einem Monat, vor einem Jahr oder vor zehn Jahren“ angebracht worden sein — und dass es keinerlei Routineüberprüfungen gegeben habe, die den Fund früher ermöglicht hätten.
Der Fall zeigt das Muster: Ohne gezielte Prüfung beim Nutzerwechsel wäre die Technik durch mehrere Amtsinhaber hindurch unbemerkt geblieben. Was hinter einer Spiegelwand montiert ist, fällt bei keiner Möblierung, keinem Umzug und keiner Reinigung auf — nur bei einer technischen Untersuchung.
Dass das Risiko in der Bauphase selbst staatlich anerkannt ist, belegt der BND-Neubau in Berlin: Beim Bau der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendienstes wurden allein 25 Millionen Euro für erhöhte Sicherheitsmaßnahmen aufgewendet. Jeder Bautrupp wurde von Sicherheitsleuten begleitet, die aufpassen sollten, dass keine Wanzen in Wände oder Lüftungsschächte eingebaut werden. Weil zu viele Handwerker aus dem Ausland für eine Sicherheitsüberprüfung nicht infrage kamen, wurde zusätzliches Wachpersonal eingesetzt. Das ist kein Paranoia-Protokoll eines übervorsichtigen Geheimdienstes, sondern die nüchterne Einschätzung, dass eine Baustelle ein unkontrolliertes Zugangssystem ist — und dass ohne aktive Kontrolle niemand garantieren kann, was in den Wänden steckt.
Für ein mittelständisches Unternehmen bedeutet das keine 25 Millionen Euro Sicherheitsbudget. Es bedeutet eine TSCM-Prüfung nach Bauabschluss, bevor das erste vertrauliche Gespräch stattfindet.
Aus über 20 Jahren Einsatzpraxis ist der Einzugssweep ein wiederkehrender Auftragstyp. Was die Auftraggeber verbindet: Sie beauftragen die Prüfung nicht wegen eines konkreten Verdachts, sondern weil sie wissen, dass sie in Räumen mit unkontrollierter Vorgeschichte anfangen — und nicht erst prüfen wollen, wenn etwas abgeflossen ist.
Kombination mit Abhörschutz
Wer neue Räume bezieht, hat die einmalige Gelegenheit, passiven Abhörschutz von Anfang an einzuplanen: akustische Maskierung für dauerhaft genutzte Besprechungsräume, bauliche Maßnahmen gegen Körperschallübertragung durch Wände und Decken. Nachrüsten ist möglich, aber teurer und aufwändiger als eine saubere Erstausstattung.
Auf Wunsch berät Kontrapol nach der Prüfung, welche passiven Maßnahmen für die genutzten Räume sinnvoll sind.
Häufige Fragen zu TSCM in neuen Räumen
Muss ich warten, bis die Renovierung vollständig abgeschlossen ist?
Ja. Die Prüfung findet nach Fertigstellung statt, wenn alle Hohlräume geschlossen sind und der Endzustand der Räume erreicht ist. Eine Prüfung während laufender Bauarbeiten ist nicht sinnvoll, weil der Zustand sich täglich ändert und weitere Personen weiterhin Zugang haben.
Reicht es, nur die Chefbüros zu prüfen?
Für den Anfang ist das ein vertretbarer Kompromiss, wenn das Budget begrenzt ist. Sinnvoller ist eine vollständige Prüfung aller Räume, in denen vertraulich gesprochen wird, also inklusive Besprechungsräume und Projektzimmer. Welche Räume das konkret sind, klären wir vorab gemeinsam.
Wie lange dauert die Prüfung eines typischen Büros?
Für ein mittelgroßes Büro mit drei bis fünf Besprechungsräumen und Geschäftsführungsbüro rechnen wir mit einem halben bis ganzen Arbeitstag. Größere Objekte werden entsprechend mehr Zeit in Anspruch nehmen, die Planung erfolgt nach Absprache.
Über den Autor: Hendrik Pabst ist Gründer von Kontrapol und seit 2002 in der Lauschabwehr tätig. Die in diesem Ratgeber beschriebenen Muster, Funde und Vorgehensweisen stammen aus seiner eigenen Einsatzpraxis und werden durch ausgewählte öffentlich dokumentierte Fälle ergänzt, die das Risiko zusätzlich verdeutlichen.
Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung; die rechtliche Bewertung des Einzelfalls gehört in die Hände eines Anwalts.

