Er ist weg. Die Trennung war schwierig: eine fristlose Kündigung nach eskaliertem Konflikt, ein Gesellschafterstreit, der mit dem Ausscheiden eines Mitgründers endete, oder ein langjähriger Partner, der das Unternehmen im Streit verlassen hat. Jetzt kommt das nächste vertrauliche Meeting. Neue Projekte starten. Verhandlungen laufen weiter. Und niemand hat geprüft, ob die Räume sauber sind.
Standardmäßige Trennungsprozesse sind inzwischen gut dokumentiert: IT-Zugänge sperren, Hardware einsammeln, Passwörter ändern, E-Mail-Postfach übergeben. Diese Checklisten stehen hundertfach im Netz. Was keine davon enthält: die physische Überprüfung der Räume, die die ausgeschiedene Person nutzen konnte.
Das ist die Lücke. Und sie bleibt offen, bis jemand sie schließt.
Wie eine professionelle Lauschabwehr grundsätzlich abläuft, von Gefährdungsklassen bis zur Dokumentation, haben wir im Hauptartikel Lauschabwehr – Vorgehen, Technik und Kosten ausführlich beschrieben.
Wer betroffen sein kann
Wenn Unternehmen an Abhörtechnik nach einer Trennung denken, denken sie an Mitarbeiter. Die Realität ist breiter.
Ein Mitarbeiter in kritischer Position hatte Zugang zu Besprechungsräumen und kannte vertrauliche Projekte. Aber dasselbe gilt für den langjährigen Vertriebsleiter, der im Streit gegangen ist. Für den Mitgründer, der nach einem Gesellschafterstreit seinen Anteil verkauft und jetzt beim direkten Wettbewerber auftaucht. Für den Geschäftsführer, der abberufen wurde und rechtliche Schritte angekündigt hat. Für den Steuerberater oder externen Dienstleister, der seit Jahren freien Zugang zu den Räumen hatte.
Der entscheidende Faktor ist nicht der Titel. Es ist die Kombination aus physischem Zugang zu vertraulichen Räumen, Kenntnis schützenswerter Informationen und einem Motiv: wirtschaftlicher Vorteil, Rache oder beides.
2016 wurde in einem Frankfurter Konferenzraum eine Abhörwanze gefunden, kurz bevor ein wichtiges Führungskräfte-Treffen stattfand. Polizei eingeschaltet, Strafanzeige erstattet. Wer das Gerät installiert hatte, war zum Zeitpunkt des Fundes noch nicht bekannt, der Zeitpunkt des Einbaus ließ sich aber eingrenzen: ein Zeitraum, in dem mehrere externe Beteiligte Zugang zum Objekt hatten. Die entscheidende Frage war rückwirkend nicht mehr zu beantworten. Sie hätte vorher gestellt werden müssen.
Was die Rechtslage dazu sagt
Zwei rechtliche Rahmenbedingungen sind hier relevant, die in der Praxis kaum bekannt sind.
§ 201 StGB: Das Installieren eines Abhörgeräts ist eine Straftat, unabhängig davon, ob die aufgezeichneten Informationen jemals verwendet werden. Die Freiheitsstrafe beträgt bis zu drei Jahre. Das Gerät selbst kann als Beweismittel für eine Strafanzeige dienen, vorausgesetzt es wird korrekt gesichert und dokumentiert.
Geschäftsgeheimnisgesetz (GeschGehG), seit 2019: Das Gesetz schützt Geschäftsgeheimnisse nur dann, wenn der Inhaber nachweisbar angemessene Schutzmaßnahmen ergriffen hat. Das ist kein theoretisches Problem. Wer nach einer Konflikttrennung keine Raumprüfung vornimmt und sich später auf gestohlene Informationen beruft, kann in Bedrängnis geraten, weil er nicht belegen kann, dass er den physischen Schutz seiner Räume sichergestellt hat.
Eine dokumentierte TSCM-Prüfung ist damit nicht nur ein operativer Schritt. Sie ist ein belegbarer Nachweis, dass das Unternehmen seinen Schutzpflichten nachgekommen ist, mit Datum, Scope und Ergebnis.
Wie die Prüfung abläuft
Eine TSCM-Prüfung nach einer Konflikttrennung beginnt nicht im Besprechungsraum. Sie beginnt mit einer kurzen Lagekarte.
Schritt 1: Zugangsprofil
Welche Räume lagen im regulären Zugang der ausgeschiedenen Person? Welche Bereiche konnte sie außerhalb der Kernarbeitszeit erreichen, durch Überstunden, Alleinarbeit oder privilegierten Zugang als Führungskraft oder Gesellschafter? Gab es technische Systeme, auf die sie Einfluss hatte: Telefonanlage, Netzwerkinfrastruktur, Konferenztechnik? Diese Analyse entscheidet, welche Bereiche geprüft werden müssen.
Schritt 2: Scope-Definition
Typische Prüfbereiche: Besprechungsräume, Büro der Geschäftsführung, Projekträume, Firmenfahrzeuge. Bei ausgeschiedenen Führungskräften oder Gesellschaftern kommen häufig noch Serverraum, Technikräume und Eingangsbereiche mit Netzwerkzugang hinzu.
Schritt 3: TSCM-Prüfung
Die Maßnahme erfasst das vollständige Spektrum möglicher Überwachungstechnik. Aktiv sendende Geräte werden über Frequenzanalyse identifiziert. Passiv aufzeichnende Geräte, die kein Signal senden, werden über den Halbleiterdetektor aufgespürt, der auf elektronische Bauteile reagiert, unabhängig davon ob das Gerät eingeschaltet ist oder nicht. Optische Überwachungstechnik wird über Kamerafinder und Wärmebildtechnik erfasst.
Wer nur nach Sendesignalen sucht, findet nur einen Bruchteil dessen, was installiert sein kann. Professionelle Geräte senden oft nur in kurzen Impulsen, ereignisgesteuert, eingebettet im normalen WLAN- und Bluetooth-Rauschen eines Büros. Ein Diktiergerät, das lokal aufzeichnet und später ausgelesen wird, sendet gar nicht. Beides findet Kontrapol.
Schritt 4: Dokumentation
Das Ergebnis wird schriftlich dokumentiert. Bei einem Fund werden Gerät, Fundort, Versteckmethode und technische Merkmale festgehalten, auf Wunsch mit daktyloskopischer Sicherung für spätere Identifikationsmaßnahmen. Bei negativem Befund belegt das Dokument, dass der Raum zum Zeitpunkt der Prüfung frei von Abhörtechnik war. Das ist der Nachweis für alle folgenden Gespräche in diesem Raum.
Wann und wie — diskret, auch außerhalb der Öffnungszeiten
er richtige Zeitpunkt ist so früh wie möglich nach der Trennung, bevor neue vertrauliche Projekte in den betroffenen Räumen starten.
Manche Auftraggeber wollen maximale Diskretion: kein Mitarbeiter soll wissen, was geprüft wird. In diesen Fällen kommt Kontrapol außerhalb der Geschäftszeiten, abends oder am Wochenende, und auf Wunsch legendiert als Netzwerktechniker, IT-Dienstleister oder WLAN-Pen-Tester. Die Legende wird vorab abgestimmt.
Andere wollen bewusst die Signalwirkung einer sichtbaren Prüfung. Auch das ist ein legitimer Ansatz. Wie und wann die Maßnahme stattfindet, wird vorab gemeinsam festgelegt.
Die Lücke, die keine Checkliste schließt
Jede Offboarding-Checkliste enthält den Punkt „IT-Zugänge sperren“. Fast keine enthält den Punkt „Räume prüfen“.
Digitale Zugänge werden sofort gesperrt, oft noch am letzten Arbeitstag, der Schlüssel wird abgenommen. Das schließt die Tür. Es entfernt keine Wanze, die drei Wochen vorher im Kabelkanal unter dem Konferenztisch platziert wurde.
Der CDU-Abhörskandal in Bremen, bei dem in den Büros des Landesvorsitzenden und des Fraktionschefs installierte Abhörgeräte entdeckt wurden, ist ein dokumentiertes Beispiel dafür, wie physische Maßnahmen ohne äußere Anzeichen möglich sind. Der Täter wurde nie identifiziert. Der Einbau blieb unbemerkt, bis eine Überprüfung veranlasst wurde.
Ein Unternehmen, das digitale Sicherheit ernst nimmt und physische Sicherheit nicht prüft, hat nur die Hälfte der Kontrolle.
Aus der Praxis
Aus über 20 Jahren Einsatzpraxis ein typisches Muster: Er hatte das Unternehmen verlassen und sich in derselben Branche selbstständig gemacht. Was folgte, war ein Muster: Bei jeder Ausschreibung, bei der er mit seinem früheren Arbeitgeber im direkten Wettbewerb stand, konnte er das Angebot knapp unterbieten. Immer knapp. Immer treffsicher. Zu regelmäßig für Zufall.
Der Verdacht lag nahe, dass er beim Ausscheiden eine Wanze hinterlassen hatte. Die TSCM-Prüfung im Vertriebsbüro bestätigte ihn: In der Kabelleiste des Schreibtisches fand sich ein Abhörmechanismus, genau dort, wo Angebote kalkuliert, besprochen und finalisiert wurden.
Kalkulationen entstehen in Gesprächen. Wer diese Gespräche kennt, kennt den Spielraum des anderen. Was aussah wie überlegene Marktstrategie, war Informationsdiebstahl. Cent für Cent, Angebot für Angebot.
Das Gerät wurde sichergestellt, forensisch dokumentiert. Die Grundlage für rechtliche Schritte war gelegt.
Häufige Fragen zu TSCM nach einer Konflikt-Kündigung
Gilt das auch bei einem ausgeschiedenen Gesellschafter oder Mitgründer?
Ja, und in diesen Fällen ist das Risikoprofil oft höher. Ein Mitgründer oder langjähriger Gesellschafter hatte in der Regel uneingeschränkten Zugang zu allen relevanten Räumen, kannte die gesamte strategische Ausrichtung des Unternehmens und hat ein persönliches Interesse am weiteren Geschäftsverlauf, ob als Konkurrent oder aus persönlichen Motiven. Die TSCM-Prüfung gilt für alle, die Zugang hatten, unabhängig vom Titel.
Brauche ich einen konkreten Verdacht, oder reicht die Situation?
Ein konkreter Verdacht ist nicht notwendig. Die Konstellation selbst reicht: Konflikttrennung, physischer Zugang zu sensiblen Bereichen, Wechsel zu einem Mitbewerber oder bekannte Feindseligkeit. Wer wartet, bis es einen greifbaren Hinweis gibt, wartet strukturell zu lange.
Was passiert rechtlich, wenn wir ein Gerät finden?
Das gefundene Gerät ist Beweismittel für eine Strafanzeige nach § 201 StGB. Die Dokumentation durch Kontrapol liefert die Grundlage für Strafverfolgung, Schadensersatzansprüche und Kostenrückforderung. Was mit diesen Ergebnissen passiert, entscheiden Sie und Ihre Rechtsvertretung. Unsere Aufgabe endet mit der lückenlosen, forensisch verwertbaren Dokumentation.
Über den Autor: Hendrik Pabst ist Gründer von Kontrapol und seit 2002 in der Lauschabwehr tätig. Die in diesem Ratgeber beschriebenen Muster, Funde und Vorgehensweisen stammen aus seiner eigenen Einsatzpraxis und werden durch ausgewählte öffentlich dokumentierte Fälle ergänzt, die das Risiko zusätzlich verdeutlichen.
Dieser Beitrag ersetzt keine Rechtsberatung; die rechtliche Bewertung des Einzelfalls gehört in die Hände eines Anwalts.

